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Inbetriebnahme der Infiltration im Hessischen Ried
Absinkende Grundwasserstände erfordern die Inbetriebnahme der Infiltration im Hessischen Ried

Um den Rekordsommer 2003 und die Hitzewelle Anfang August historisch einordnen zu können, muss man schon lange zurückdenken: Als Beispiele werden von Meteorologen der "Jahrhundertsommer" 1947, das "Dürrejahr" 1976 und die trockenen Jahre 1911 und 1959 genannt. Kennzeichnend für die Witterung der vergangenen Monate sind nicht nur die extreme Trockenheit seit Februar, sondern darüber hinaus deutlich erhöhte Temperaturen, bis hin zu neuen Temperaturrekorden Anfang August. So wurden an einigen Klimastationen Süddeutschlands an acht aufeinander folgenden Tagen im August Höchsttemperaturen von über 35 Grad gemessen, was bisher einmalig ist.

Die großräumig in ganz Mitteleuropa, von der Schweiz bis nach Skandinavien, herrschende Witterung wird bei uns, im Projektgebiet von Grundwasser-Online, am besten durch den Wasserstand des Rheins gekennzeichnet. Am 18. August wurden an der deutsch-niederländischen Grenze historische Tiefstände des Rheins gemessen. Die Ganglinie des Rheins zeigt im Jahr 2003 kein ansonsten übliches Frühjahrshochwasser. Auch die Zuflüsse der Riedbäche verharren seit Monaten auf niedrigstem Niveau, da auch im Odenwald kein nennenswerter Niederschlag gefallen ist. Die nebenstehenden Bilder des Rheins bei Biebesheim wurden am 20.08.03 aufgenommen. Die dokumentierte Ganglinie zeigt, dass der Rheinpegel im August diesen Jahres auch bei Biebesheim eine Rekordtiefstmarke erreicht hat. Im Vergleich zum Jahr 1996 wird deutlich, wie extrem der Sommer 2003 von den tiefen Pegelständen des Rheins gekennzeichnet ist.

Welche Konsequenzen hat die Witterung für die Grundwasserbewirtschaftung im Hessischen Ried?

Zunächst sei daran erinnert, dass noch bis in das Frühjahr diesen Jahres als Folge der ausgeprägten Nassperiode 1999 - 2002 Grundwasserhochstände zu verzeichnen waren, die in einigen Siedlungsbereichen des Hessischen Rieds lang andauernde Kellervernässungen verursachten. Die Infiltration von aufbereitetem Rheinwasser wurde als Reaktion auf die nasse Witterung in der Infiltrationsanlage Eschollbrücken/Pfungstadt Anfang 2000, in den Anlagen Gernsheimer Wald und Jägersburger Wald Anfang 2001 vollständig eingestellt. Trotzdem stehen die durch Kellervernässung betroffenen Hauseigentümer der aktiven Grundwasserbewirtschaftung mit Hilfe der Infiltration sehr kritisch gegenüber. Das führte dazu, dass auch im stark von Vernässung betroffenen Kreis Groß-Gerau immer wieder von Bürgern der Verdacht geäußert wurde, die Infiltration sei "schuld" am hohen Grundwasserstand. Dabei reicht der potentielle Aufhöhungsbereich der Anlagen bei weitem nicht so weit, auch wenn die volle Leistungsfähigkeit der Infiltrationsorgane ausgeschöpft würde.

Nun verspüren die Hausbesitzer endlich die lang erhoffte Entlastung durch die Trockenheit und das Absinken der Grundwasserstände, sie haben großteils ihre Keller renoviert. Da nun die Infiltration wieder in Betrieb genommen wird, fürchten Viele um erneute Beeinträchtigungen. Aus ihrer Sicht erscheint die Inbetriebnahme zu früh. Am liebsten wäre ihnen eine Garantie, dass es nicht mehr zu Vernässungsschäden ihrer Häuser kommt, bevor die Infiltration wieder beginnt.

Die Aufgabe der nunmehr wieder aufgenommenen Infiltration ist es aber, das Absinken der Grundwasserstände über ein unverträgliches Maß in einem eng begrenzten Einflussbereich zu verhindern und so dafür zu sorgen, dass vorgegebene untere Grenzgrundwasserstände des Grundwasserbewirtschaftungsplans Hessisches Ried eingehalten werden. Dadurch können die infiltrationsgestützten Wasserwerke der Hessenwasser und des Wasserbeschaffungsverbandes Riedgruppe Ost nachhaltig, auch in Trockenperioden, die Wasserversorgung sicher stellen, ohne dass Setzrisse an der Bebauung oder vermeidbare ökologische Schäden entstehen.



Warum erfolgt die Inbetriebnahme der Infiltration jetzt?

Steuerung und Inbetriebnahme der Infiltration sind abhängig vom aktuellen Niveau der Grundwasserstände, der Dynamik der Grundwasserstandsentwicklung und dem Bodenwasserhaushalt. Der Bodenwasserhaushalt wird maßgeblich von den Niederschlägen und der Verdunstung der Vegetation (Evapotranspiration) geprägt. Die lange Trockenheit und die hohen Temperaturen haben dazu geführt, dass dieser oberhalb des Grundwassers befindliche Bodenspeicher vollständig entleert ist. Es muss nun schon sehr lang und ausgiebig regnen, bevor vom Niederschlag auch nur ein kleiner Anteil bis zum Grundwasser gelangt. Von daher ist damit zu rechnen, dass die Grundwasserstände deutlich länger als in anderen Jahren noch weiter absinken (normalerweise wird der Tiefstand im Oktober / November erreicht).

Die niedrigen Pegel des Rheins und der Riedbäche bedingen eine großräumige Entwässerung des Grundwassers, die in dieser Schnelligkeit sicherlich noch nicht beobachtet werden konnte und neue Maßstäbe setzt. Dieser Effekt wird sich in den nächsten Monaten noch beschleunigen.

Der Grundwasserleiter reagiert nach Zeit und Raum sehr unterschiedlich auf diese witterungsbedingten Gegebenheiten. Die unten gezeigte Ganglinie der Messstelle 527051 in der Nähe von Groß-Gerau ist durch geringe Flurabstände des Grundwassers (Abstand der Grundwasseroberfläche von der Geländeoberkante) geprägt. Zusätzlich zeigt die Ganglinie Wechselwirkungen zu umgebenden Bächen auf, Grundwasserförderung wirkt sich nur geringfügig aus. Hier wird mit dem Absinken des Grundwassers um ca. 70 cm im Juni und Juli der sich beschleunigende Effekt des witterungsbedingten Absinkens deutlich. Bei noch bis in den November hinein reichendem Absinken sind hier Grundwassertiefstände in diesem Jahr zu erwarten, die unter dem Niveau des Jahres 1998 liegen. Die Ganglinie zeigt anschaulich, dass damit die Zeit der hohen Grundwasserstände von 1999 bis Januar 2003 definitiv beendet ist. Eine Beeinflussung durch Infiltration ist aufgrund der großen Entfernung hier nicht möglich.



Eine andere Charakteristik weist die Messstelle GE20160 westlich von Gernsheim auf: Zwar liegen auch hier die aktuellen Augustablesungen deutlich unter den jeweiligen Augustwerten der Jahre 1999 - 2002, aber das absolute Grundwasserstandsniveau ist noch nicht auf das Niveau des Jahres 1998 abgesunken. Hier ist jedoch bis in den November hinein ein weiteres deutliches Absinken zu erwarten, da der Grundwasserleiter in der Regel träger reagiert als im Bereich der o.g. Messstelle 527051 bei Groß-Gerau.



Weiter südlich, am Forsthaus Jägersburg, liegt die dritte dokumentierte Messstelle 544002. Auch hier liegt der aktuelle Augustwert unter den Vergleichswerten der Jahre 1999 - 2002, jedoch auf deutlich höherem Niveau als 1998. Diese Messstelle liegt im potentiellen Aufhöhungsbereich der Infiltration. Für sie ist im Grundwasserbewirtschaftungsplan Hessisches Ried ein Richtwert "angestrebter mittlerer Grundwasserstände" ausgewiesen. Derzeit ist die Messstelle aufgrund der langen Stillstandszeit nicht durch Infiltration beeinflusst. Ohne Inbetriebnahme der Infiltration würden die Grundwasserstände auch hier zumindest bis in den November / Dezember hinein bis in die Nähe des unteren Grenzgrundwasserstandes, bei weiteren Trockenjahren sogar deutlich unter diesen Grenzgrundwasserstand absinken. Wenn die Vorgaben des Grundwasserbewirtschaftungsplans eingehalten werden sollen, ist die Inbetriebnahme der Infiltration dringend angesagt.



Auch wenn bis jetzt noch die Vernässungsprobleme der vergangenen Jahre in der Erinnerung wach sind, Setzrissschäden der Jahre 1992 - 1993 durch unverträglich niedrige Grundwasserstände dürfen nicht vergessen werden. Während der klimatisch bedingte Grundwasserstandsanstieg mit den vorhandenen technischen Mitteln nicht beeinflusst werden kann, kann durch die Infiltration das Absinken in Trockenperioden im potentiellen Aufhöhungsbereich der Infiltrationsanlagen wirksam begrenzt werden. Allerdings braucht die Aufhöhung der Grundwasserstände auch bei hohen Infiltrationsmengen Zeit, bis sie sich in die zu schützenden Gebiete ausdehnt. Die jetzige Inbetriebnahme wird die Grundwasserstände bis zum Frühjahr 2004 nur in den Waldbereichen des näheren Umfelds der Infiltrationsanlagen aufhöhen können. Allerdings ist das für den Wald von großem Nutzen, da dieser schon jetzt unter Trockenstress leidet. Sollte ein weiteres witterungsbedingtes Absinken der Grundwasserstände in den nächsten Jahren in den Ortslagen zu verzeichnen sein, kann mit angepassten Infiltrationsmengen eine weitere Ausdehnung des Aufhöhungsbereiches und ein Schutz vor Setzrissen auch in den Ortslagen erreicht werden. Die derzeit vorgesehenen Infiltrationsmengen sind zunächst sehr gering und so bemessen, dass eine kontinuierliche und langsame Aufspiegelung des Grundwasserkörpers erfolgen kann. Die Mengen sind kontrolliert und genehmigt, um den Erfordernissen des Grundwasserbewirtschaftungsplans Hessisches Ried zu entsprechen.

Wie wird die Infiltration in der Praxis gesteuert?

Die Wasserwerke sind verpflichtet, den sich einstellenden Trinkwasserbedarf der Bevölkerung abzudecken. Hierzu wird Grundwasser umweltverträglich gefördert. Eine großräumige Steuerung der Grundwasserstände ist durch die Wasserwerke alleine nicht möglich. Wesentliches Element zur Steuerung der Grundwasserstände im Einflussgebiet der Wasserwerke ist die Infiltration. Hierzu verfügt der Wasserverband Hessisches Ried (WHR) mit dem gesteuerten Betrieb der Infiltrationsanlagen über ein wirksames Mittel, um auf Witterungseinflüsse sachgerecht zu reagieren. Die Vorgaben hierfür sind durch Richtwerte mittlerer Grundwasserstände im Grundwasserbewirtschaftungsplan enthalten. Befinden sich die Grundwasserstände oberhalb der Richtwerte, die die Zielgrößen bei mittleren klimatischen Verhältnissen darstellen, werden die Infiltrationsmengen gedrosselt. Bei weiterem, klimatisch bedingtem Anstieg wird dann die Infiltration sogar vollständig eingestellt. Sinken die Grundwasserstände unter den Richtwert ab, werden die Infiltrationsmengen gesteigert, um die Einhaltung unterer Grenzgrundwasserstände nach Möglichkeit zu gewährleisten.

Die jeweiligen Infiltrationsmengen werden nach Auswertung der aktuellen Grundwasserstände und Klimadaten monatlich für alle Anlagen gesondert festgelegt. Durch instationäre Grundwassermodellrechnungen wird darüber hinaus der Aufhöhungsbereich der Infiltration rechnerisch bestimmt. Die Modellrechnungen haben sich durch Vergleich mit den gemessenen Grundwasserständen seit Inbetriebnahme der Infiltration 1989 in Eschollbrücken / Pfungstadt in hohem Maße bestätigt und sind sehr zuverlässig.

Sämtliche Daten werden in Monitoringberichten dokumentiert und dem Regierungspräsidium Darmstadt vorgelegt. Die entsprechende aktive Bewirtschaftung verläuft nach einem definierten Betriebsreglement, das behördlich geprüft und wasserrechtlich genehmigt ist. Das Portal "Grundwasser-Online" stellt die relevanten Informationen für die Öffentlichkeit bereit.

Quelle: http://www.grundwasser-online.de